Woche 7 – Obdachlos in Teheran – Teil 2/2


Tag 49, 6.4, Montag

Es war der dritte Schultag und ich stand um 6 Uhr auf, um mit meinem Gepäck nicht die überfüllte Metro nehmen zu müssen.
Dort angekommen wurde ich sehr freundlich von der „Sekretärin“, die es versäumt hatte, mir eine Unterkunft zu besorgen begrüßt. Es war super, die alten Klassenkameraden wieder zu sehen.
Nach dem Unterricht ging ich dann wieder zur Sekretärin, um ein Zimmer zu organisieren. Mittlerweile hatten mit Tobias und Francesco, ein Sardinier aus dem ersten Kurs, dem ich Geld mitgebracht hatte, angeboten, zwischenzeitlich bei Ihnen unterzukommen.
Nachdem ich also eine Adresse in Enghelab von der Sekretärin erhielt, fuhr ich mit meinen Sachen und Francesco und Tobias, die auch dort wohnten, dorthin. Es stellte sich heraus, dass das Wohnheim wohl eine heruntergekommene Absteige ist, in der Francesco einen Monat lang hatte hausen müssen; zu zwölft in einem Kellerloch. Ich wollte aber nicht am nächsten Tag zur Sekretärin rennen und reklamieren, ohne die Wirklichkeit erlebt zu haben, daher ließ ich die wichtigsten Sachen, wie Geld und Notebook bei Francesco.
An dem Wohnheim angekommen, lag den Verantwortlichen wohl keine Information darüber vor, dass ich ein Zimmer bräuchte. Ein junger Student begleitete mich zur Administration, doch der Herr der Schlüssel hatte schon Feierabend gemacht und es war auch nicht sicher, ob er am nächsten Tag kommen würde. Also nahm mich der Student mit in seinen Aufenthaltsraum. Dort stellte sich heraus, dass er wohl zum regierungstreuen (die nicht-wählbare religiöse Regierung) Bevölkerungsteil gehört, was mir natürlich keine Freude bereitete. Am frühen Abend brachte er mich dann auf ein Zweibettzimmer, indem schon alle Betten belegt waren; ich durfte also wieder auf dem Boden schlafen. Anstatt danach noch mit ihm und seinen Freunden essen zu gehen, tat ich das lieber mit Zhihui, die nicht weit weg untergebracht war, sodass wenigstens der Abend ein bisschen gut war.
Vor dem Schlafengehen genoss ich dann die erste Dusche seit langem und versuchte so gut es ging zu schlafen.

Tag 50, 7.4, Dienstag

Ich verließ das Zimmer mit dem Anspruch, nicht wieder zu kommen. Ich konnte inzwischen auch die Jogginghose und das T-Shirt gegen Jeans und Hemd eintauschen.
In der Schule ging ich dann wieder zur Sekretärin. Sie sagte mir ich solle um 21Uhr den Verwalter der Wohnungen von Tobias und Francesco anrufen. Ich erwiderte, das ich nicht bis 21 Uhr mit meinen Sachen irgendwo herumstehen würde und kam ihr entgegen, dass ich bei einem Freund (Tobias) übernachten würde. Dort hatte ich wenigstens die Aussicht auf ein Bett nach vier Nächten auf dem mehr oder weniger blanken Fußboden.
Gesagt, getan. Um neun rief ich dann auch den Verwalter an und er sagte, es habe im Moment keine Übersicht und würde sich am folgenden Tag bei der Sekretärin melden….

Tag 51, 8.4, Mittwoch

Es war der letzte Tag der ersten Woche und ich war noch immer obdachlos. Um 15Uhr gab mir die Sekretärin dann die Adresse einer Pension, zu der ich gehen solle, weil sich der Verwalter noch nicht gemeldet hatte.
Doch bevor ich mich überhaupt in den Bus begeben konnte, rief sich wieder an und sagte in der Wohnungen von Francesco sei noch Bett frei. Das wunderte mich, denn er hatte mir gesagt, alle dort Wohnenden hätten ein Einzelzimmer.
Auch Francesco und seine Mitbewohner waren verwundert. Auf jeden Fall hatte ich jetzt eine Bleibe.

Tag 52, 9.4, Donnerstag

Ich schlief erst einmal aus.
Mein neues Zuhause ist in der Nähe des Enghelab-Platzes (Meydan-e Enghelab), wenige Minuten von der Metrostation entfernt und noch näher am großen Laleh Park. Wir können sogar auf das Dach, von dem man sogar den Damavand und ein Flugabwehrgeschütz sehen kann. Meine Mitbewohner sind Jack (ein Brite), Francesco und mein Zimmergenosse Yang aus Taiwan. Jeden Morgen fahren wir mit dem Taxi zur Schule – Kostenpunkt 30’000 Rial (80 Cent).
Am Nachmittag trafen wir uns mit anderen Leuten zum Gespräch in einem Café und später noch zum abendlichen Kebabessen.

Tag 53, 10.4, Freitag

Gegen Mittag trafen wir uns mit zwei Iranern vom Vortag und sie brachten uns ein paar Schimpfwörter bei. Und danach traf ich mich kurz mit Zhihui, um Hausaufgaben zu machen und draußen ein wenig herumzugammeln und das schöne Wetter zu genießen.

Zurück in Teheran – Woche 7 – Obdachlos in Teheran – Teil 1/2


Anreise

Auf Grund des Neujahrfestes waren die Flüge von Europa in den Iran Anfang April unglaublich teuer. Deshalb buchte ich eine Verbindung, bei der ich knappe 48h unterwegs war und zwei Tage nach Unterrichtsbeginn ankam.
Zuerst ging es am Karfreitag um 1Uhr morgens von Berlin-Schönefeld nach Istanbul Sabiha Gökcen. Ich wollte eine neuen Benzinkocher für meinen Sommertrip mitnehmen. Leider wurde er mir am Flughafen entwendet, obwohl es außerhalb Deutschlands niemanden mehr interessiert hätte.
Jedenfalls hatte ich in Istanbul 10 Stunden Aufenthalt (von 5Uhr bis 15Uhr), die ich hauptsächlich mit Schlafen zubrachte. Dann ging es mit Qatar Airways nach Doha, wo mein Aufenthalt 23 Stunden betrug. Leider bekam ich weder eine Unterkunft, noch Essen oder ein kostenloses Einreisevisum gestellt. Auch mein Gepäck, in dem ich Äpfel und Bananen hatte, konnte ich nicht holen.
Zum Glück hatte ich in „weiser“ Voraussicht genügend Schafskäsetaschen gebacken, sodass ich nicht verhungern musste.
Ich suchte sogleich den Ruheraum auf und legte mich auf dem Fußboden schlafen; so gut es irgend ging.
Am nächsten Morgen (Sonntag) begab ich mich an einen, zum Glück in ausreichender Anzahl vorhandenen, Arbeitsplätze mit Stromanschluss, um zu arbeiten. Internet gab es auch kostenlos, aber der Flughafen glich im Großen und Ganzen eher einem Luxuseinkaufszentrum. Vor vielen Geschäften standen Autos der gehobenen Preisklasse, die PCs, die zur Internetnutzung aufgestellt waren, trugen alle einen angebissenen Apfel als Logo und auch sonst glitzerte und blinkte es überall; es war also kaum ein Platz für einen Jogginghosen-tragenden Jungen.
Um 18Uhr war es dann soweit. Ich stieg in den Flieger und ließ mir, obwohl wir schon im iranischen Luftraum waren, einen doppelten Vodka servieren.

Tag 48, 5.4, Sonntag

Ich kam am Flughafen an und hatte keine Bleibe in Teheran. Ich hatte mein Zimmer in Velenjak für den Monat aufgegeben (warum sollte ich für ein leeres Zimmer zahlen) und darum um eine neue Unterkunft (ob Velenjak oder im Zentrum ist ja egal) gebeten. Es kam allerdings nie eine Mail. Zhihui hat es genauso gemacht, allerdings hat sie eine Unterkunft zugewiesen bekommen.
Da stand ich nun. Zum Glück hatte ich noch genügend Datenvolumen von meinem Handy, das Gesprächsguthaben hatte sich wie von Geisterhand aufgelöst, und so arrangierte mir I. über einen Freund, dass ich die Nacht bei seiner Tante unterkommen konnte. Da der Taxifahrer die Adresse sich aber verfuhr, kam ich erst um ein Uhr morgens bei der Tante an. Zum Glück hatte sie mir ein Bettlager errichtet, sodass ich diesmal zwar wieder auf dem Boden, aber wenigstens auf einer dünnen Matratze schlafen konnte.

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Week One – Part 1/2


Day 0-1, 20.1.-21.1.2015, Berlin-Kyiv-Tehran

At 14.50 I flew with an Embraer 190 from Berlin-Tegel to Kyiv. There I had a stop-over of two hours, until I continued with the exact same air plane as before to Tehran. I have never experienced such an empty plane: Not even 2/5 of the seats were reserved and I was the only one from „the West“. Apart from three Ukrainians all other passengers were Iranian.
Having arrived in Tehran at Imam Khomeini Airport (IKA) at 1.30am, I had no problems with the entry at all. Then I sat down reading for three hours until Anahit, with whom I was appointed, arrived from Moscow respectively Istanbul. We chatted till 6.30 and then took a taxi into town (650 000 Rial – 13€). The view was amazing, since the sun just rose and let the snowy mountains shimmer in a soft pink.
After having finished the bureaucracy, we exchanged money. The course was 1€:40 000IRR, I exchanged 450€, so for a short time I became a multi millionaire. Then we drove to the dormitory, brought our luggage on the rooms and took a nap for two hours. Still tired we walked to Tajrish to buy SIM cards and food on the basar. Before going exhausted to bed, we drank a tea opposite the dorm where one of three young girls surprisingly didn’t give anything on the hijab obligation.

Day 2, 22.1, Tehran

After a long sleep until 11 am (7.30 UTC), I met one of my two room-mates Roman. He’s a 42-yo Austrian and doesn’t know any Farsi. This fact was going to qualify him to be in the same class as I would be in. He’s a super cool guy.
We went to the bakery which is fortunately just across the street and offers fresh bread any time of the day. After breakfast we met with Zari, whom I met for the first time four years ago. We walked all the way – it was a long walk and made a detour via our language school. At Zari’s we ate dinner and chatted. After having walked back to the dorm again we went to bed quite exhausted.

Day 3, 23.1

At noon Arne arrived, who is the last room-mate. I didn’t do much. I walked to Tovchal (or Tochal) cabin station with Roman. It is the starting point for skiers and snowboarders who can go up to 4000m. In the evening two friends of Arne, Maren and Renate, came over and prepared a simple German potato salad.

Day 4, 24.1

It was the first day of school. We had to be there at 8 o’clock. On the bus we took, Kazim talked to me. It appeared he had worked in the Iranian Consulate in Frankfurt 50 years ago. He could still speak very good German and insulted the „dirty mullahs“, what fortunately was understood by nobody else.
During the class it snowed non-stop. The classes are Saturday to Wednesday from 9 till 12; with a break from 10.15 to 10.45. At first the teacher taught us a part of the Persian Alphabet and made Roman going crazy because of her beauty. I got to know a funny Chinese girl, Zhihui, who’s always in a good mood, laughs a lot and likes Indian and Pakistani guys very much.
After class I met with Zari again. When I returned to the dorm, I made my homework: One line for each new learned word (there were 30) to practice writing. Although I could still write the letters quite well, it took a long time.
Though in the end I still went running. Since Velenjak – the quarter where the dorm is located – is at 1200m height, I was exhausted faster than usual and of course I ran a great detour. In addition even in the evening the air is still polluted, so running outside is rather bad for one’s health in Tehran. Unfortunately the pavements are in a bad shape from time to time as well, being interrupted by constructions. That’s why I usually ran on the street since there were not that many cars at 11pm. Still I was horned at a couple of times. But I don’t care: Only because of some little obstacles I won’t let a part of my free western lifestyle be taken away from me.

Background picture: Tehran at night, view from the dormitory in Velenjak, 2015 all rights reserved

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Wie alles begann

Das Jahr 2014 war einmalig und vielleicht das bisher beste überhaupt. Es lag auch daran, dass ich meine Zeit, in der ich beschäftigt war, auf einen bestimmten Zeitraum konzentrieren konnte und dann entsprechend viel Freizeit zur Verfügung hatte. Reisen zu Russlands neuer Errungenschaft – der Krim – sowie eine 700km-Fahrradtour durch Deutschland, Trampen durch Südwesteuropa und spontane Ausflüge nach Schweden und in die USA sprangen dabei heraus.
Aber natürlich konnte es so nicht weitergehen. Deshalb hatte ich mich Ende Oktober für den ersten von sechs Sprachkursen (Farsi bzw. Persisch) in Teheran (Iran) beim Dehkhoda Lexicon Institute beworben.

Erst als ich am 22. Dezember nach Hause getrampt bin, habe ich die endgülitge Teilnahmebestätigung bekommen. Einen Tag vor Silvester gab ich also meinen Pass ab. Am 7. Januar holte ihn dann mein Papa ab – inklusive Visum! Ich buchte sofort den Flug nach Teheran über Kiew mit Ukraine International Airlines für den 20. Januar – in Teheran am IKA würde ich dann am 21. um 1.30 in der Früh ankommen.

Aber ich musste natürlich noch irgendwie meine Sachen aus meinem Raum in Karlsruhe räumen. Zum Glück hatte ich nur ein Bettsofa, einen Schreibtisch, einen kleinen Tisch und eine Art Regal. Verkauft habe ich das Bett und das andere auf den Sperrmüll geschmissen – hatte ich eh kostenlos bekommen.

Am 14. Januar habe ich dann Abschied von Karlsruhe genommen, brach mit viel Gepäck per Bahn Richtung Berlin auf und ließ zwei großartige Jahre mit neuen Freunden und schönen Momenten zurück.

Ach ja, und das Ganze ist kein Urlaub; ich mache das nicht aus Spaß und Langeweile – jedenfalls nicht zu 100%.

Wenn es zu irgendwas Fragen oder Wünsche gibt, schreibt einfach eine Mail (blog@johannes-nickel.de) oder einen Kommentar oder abonniert den Newsletter.

Hintergrundbild: Indianerbrunnen mit Bierkasten, Werderplatz, Südstadt, Karlsruhe – 2015, all rights reserved