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Letzte Wochen 33-34 – Belutschestan & Tschüss, Teheran!


Wochen 33-34, 21.11 – 7.12

Meine letzten beiden Wochen im Iran standen an. In der Prüfungswoche am Mittwoch, direkt im Anschluss nach der Prüfung, fuhr ich zum Flughafen, um nach Zahedan, in Sistan und Belutschestan, fliegen. Ich wollte zwischen neun und zehn Tage in Belutschestan herumreisen und am Ende noch eine Bekannte auf Qeschm besuchen (Route).
Am Mittwoch (25.11) flog ich dann mit nur 30 Minuten Verspätung vom City-Airport Teheran Mehrabad in die Provinzhauptstadt der „gefährlichen“ Grenzregion Sistan und Belutschestan. Das, was die meisten Europäer vom Iran denken, denken die meisten Iraner von Sistan-Belutschestan. Die Fluggesellschaft IranAir, die als unsicher gilt und von denen im Sommer ein Flugzeug über Teheran abstürzte, brachte mich jedoch sicher ans Ziel.
Gleich zu den Bildern

„In der Provinz Sistan-Belutschistan (Südosten, Grenze zu Pakistan/Afghanistan) kommt es regelmäßig zu Konflikten zwischen iranischen Sicherheitskräften und bewaffneten Gruppierungen. Die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt und es gibt vermehrte Sicherheits- und Personenkontrollen. Die iranische Regierung hat die Provinz im November 2007 für ausländische Staatsangehörige zur ’no-go-area‘ erklärt. Wiederholt wurden Ausländer in der Region festgehalten und längeren Verhören unterzogen. Eine Weiterreise war in manchen Fällen nur noch mit iranischer Polizeieskorte möglich. Dies geschieht vor dem Hintergrund Hintergrund von seit Jahren häufig auftretenden Fällen bewaffneter Angriffe auf iranische Sicherheitskräfte in der Region.
Von Reisen in den Osten der Provinz Kerman und Sistan-Belutschestan sowie in die Grenzgebiete Irans mit Pakistan und Afghanistan wird dringend abgeraten. In diesen Gebieten besteht ein erhebliches Entführungs- und Anschlagsrisiko. Dies betrifft insbesondere das Gebiet im Dreieck zwischen den Städten Zabol, Bam und Chabahar.“ [Auswärtiges Amt; Iran: Reise- und Sicherheitshinweise; Terrorismus/Reisen über Land]

Wie in anderen Fällen auch, kann ich der Beschreibung des Auswärtigen Amtes nicht zustimmen – hauptsache Panikmache betreiben. Dazu mehr im weiteren Verlauf. .
Als ich jedenfalls in Zahedan am späten Nachmittag ankam, traf ich mich mit A. und wir gingen auf dem Basar, da ich mir die traditionelle Kleidung der Belutschen zulegen wollte. Der erste Händler bot die Hose mit Oberteil für 0,79Mio Rial (20€) an, der zweite wollte für einen maßgeschneiderten Zweiteiler 470’000 Rial (13€) haben. Den konnte ich mir am nächsten Tag abholen.
Das tat ich dann auch, zog das Gewand aber noch nicht an. Zugegebenermaßen lief ich nicht viel durch die Stadt, aber von Polizisten wurde ich nicht angehalten oder belästigt, obwohl diese mich durchaus sahen. Abends traf ich mich mit Freunden von L., bei dem ich übernachtete. Es war eine Außenanlage, die im Sommer sehr bevölkert ist. Da es aber ziemlich kalt war, verdrückten wir uns lieber mit ein paar Tees in ein beheiztes Zelt.
Am nächsten Morgen fuhr ich mit A. und einem Kumpel von ihr etwas südlich von Zahedan zu einer kleinen Wandertour. Als wir wieder zurück waren, aßen wir Frühstück und ich trampte dann nach Saravan, das 430km weiter südöstlich liegt.
In Sistan und Belutschestan gibt es in den Häusern keinen Gasanschluss, wie in Teheran oder anderen Städten im Iran. Es müssen extra Behälter angeschafft werden. Generell wird diese Provinz von der Regierung in Teheran links liegen gelassen. Das liegt zu einen daran, dass die Bevölkerung Sunniten sind und mehrheitlich in Stämmen organisiert. Daher haben die Offiziellen kaum Einfluss. Ex-Präsident Ahmadinedschad hat das Problem erkannt und nun wenden sich die Regierungsmitarbeiter direkt an die Stammesoberen.
Die Arbeitslosigkeit in Belutschestan ist riesig. Die meisten Leute verdienen ihr täglich Brot scheinbar mit dem Schmuggel von Diesel nach Pakistan. Sie kaufen sich Pick-ups, laden dann ihr Dieselkontingent in Kanister auf die Ladefläche und ab geht’s über die Grenze. Das zweite Stück von Zahedan nach Saravan bin ich in einem Auto mitgefahren, das sehr nach Diesel roch und in dem auf dem Beifahrersitz ein voller 50L Kanister stand. Ich war sehr eingequetscht und war froh, dass meine Beine nicht abgestorben sind.
Ein paar Polizeikontrollpunkte gab es natürlich. Wobei „ein paar“ untertrieben ist. An den Zufahrtsstraßen jeder großen Stadt gab es welche. Aber oft war es denen egal, dass ein Ausländer im Auto saß. Und wenn sie meinen Pass sehen wollte, zeigte ich immer eine Kopie – es gab nie Probleme.
In Saravan machte ich auch Couchsurfing bei coolen Leute, erkundete die Stadt aber alleine. Wobei ich sagen muss, es gab nicht viel zu sehen. Aber in der ganzen 5 Stunden am Vormittag, an denen ich herumlief, wurde ich nur von neugierigen Schulkindern belagert. Als es dunkel war, so gegen 18.30Uhr, lief ich für 30 Minuten auch noch einmal ein wenig umher, aber es war nicht mehr viel los.
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Zu den Bildern Teil 2
Am nächsten Tag, also am Sonntag (29.11), wollte ich dann die 460km nach Pasabandar, dem Ort, der am weitesten von Teheran (~1900 km) entfernt ist, trampen. Ich trug meine Belutschen-Klamotten, allerdings stellte sich das Trampen als ein bisschen schwierig heraus. Aber Schwierigkeiten bringen ja nur neue Erfahrungen hervor, so konnte ich das erste Mal mit einem Motorrad mittrampen – bis zum Polizei-Checkpoint. Dort lief aber alles ganz entspannt ab – ich musste nicht einmal meine Passkopie zeigen. Wir schwätzten ein bisschen, ich erzählte ihnen, ich wolle nicht Bus fahren, weil ich lieber mit den Fahrern mein Persisch verbessern wolle, und die Polizisten hielten dann für mich ein Auto an, dass mich die Hälfte der Strecke bis Sarbaz mitnahm.
Dort wollte ich dann den Bus nehmen, der kam aber ewig nicht, sodass ich die Straße entlang lief. Dann kam er natürlich, hielt auf mein Winken aber nicht an. Es wurde später und später und ich fand niemanden, der mich mitnahm. So freute ich mich schon auf die Nacht im Zelt und war auf der Suche nach einem geeigneten abgelegenen Plätzchen, als ein Belutsche mich überredete, zu ihm in sein Dorf zu kommen und dort zu pennen. Der junge Mann hieß Jaseme, war 27 und hatte einen Sohn.
Der Sternenhimmel war unglaublich hell, die Toilette auf dem Hof, es wurde gefühlt das ganze Dorf zum Abendessen -es wurde mit den Händen gespeist- eingeladen und die Frau bekam ich nie zu Gesicht. Es war eine neugierige und interessante Runde im konservativen Haushalt. Das schwierigste war immer, daran zu denken, die unreine linke Hand nicht zu essen zu nutzen.
Ein Gast war Mitarbeiter im medizinischen Zentrum im Nachbardorf. Auch wenn Sistan-Belutschestan wie schon erwähnt von der Zentralregierung in Teheran nicht viel Bedeutung zugemessen wird, die medizinische Versorgung wird hervorragend sichergestellt. So hat sich die Zahl der Malariererkrankungen auf der iranischen Seite von Belutschestan dramatisch reduziert und beträgt noch ca. 5 Fälle pro Jahr. Auf der pakistanischen Seite soll die Situation jedoch weiterhin prekär sein.
Am nächsten Morgen ging’s nach dem Frühstück direkt wieder zur Hauptstraße, der angehaltene Bus nahm mich jedoch aus unerfindlichen Gründen nicht mir und um die Sache hier ein bisschen abzukürzen, legte ich die nächsten 200km für faire 100’000 Rial (2,60EUR) zurück. Von dort trampte ich dann nach Pasabandar, nur 5 Fahrminuten von Pakistan weg. Ich kam während des Sonnenuntergangs an, lief Fotos schießend ein bisschen herum und hatte dann Glück von denselben LKW-Fahrern mit nach Tschabahar genommen. Dort brachten sie mich noch zum Busbahnhof, denn ich wollte mit dem Nachtbus nach Bandar Abbas fahren. Doch auch dieser Plan ließ sich nicht realisieren, da mir mitgeteilt wurde, der nächste Bus würde am folgenden Morgen fahren. Daraufhin sprach ich einen LKW-Fahrer an, der vor dem Bahnhof stand, ob er fahren würde. Er tat es nicht, allerdings durfte ich die Nacht auf der Ladefläche verbringen.
Am Dienstag (1.11) konnte ich mich dann endlich auf den Weg nach Bandar machen. Allerdings gezwungenermaßen wieder per Anhalter, weil plötzlich doch kein Bus mehr fuhr. Da zwischen Chabahar und Bandar Abbas keine wichtigen Städte liegen, konnte ich mir wenigstens gewiss sein, dass ein LKW mich die ganzen 700km mitnehmen würde. Und nach einigem Warten geschah das dann auch. Die beiden Fahrer waren auch Kurdestan und zum Glück fuhr der ältere von beiden 10 Stunden durch, sonst wäre ich an dem Abend vermutlich nicht auf Qeschm angekommen.
Auf Qeschm besuchte ich eine Annielie, die ich im Dehkhoda kennengelernt hatte. Sie hat mir ihrem iranischen Mann ein Restaurant auf der Insel (Shabhaye Talai – Golden Nights) und es war wirklich sehr cool, sie wieder zu sehen.
Als ich am Donnerstag (3.12) dann mit dem Zug von Bandar Abbas nach Teheran fuhr, trug ich meine Belutschen-Klamotten und erregte beim Abschluss-Fotoshooting mit Annelie Aufmerksamkeit, denn die roten Haare kombiniert mit den Klamotten, die auch von Afghanen getragen werden, sorgte überall für große Verwirrung. Am Bahnhof wurde ich dann laut, als ein Polizist bei der Körperkontrolle auch dort abtastete, wo es für Männer tabu ist.

Zurück in Teheran war ich von der hohen Polizeipräsenz mit Maschinengewehren überrascht. Während ich unterwegs war, hatte der „Islamische Staat“ Terroranschläge in Teheran angekündigt, also wurden zur Erhöhung der subjektiven Sicherheit der Bevölkerung Polizisten oder Soldaten an jeden Metrostationen postiert und ich natürlich immer zur Seite gebeten. Jetzt weiß ich wenigstens, wie sich die Muslime bzw. Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund in der Familie in unserer Gesellschaft nach Anschläge fühlen.
Abgesehen davon traf ich mich dann noch mit Freunden, erledigte ein paar Einkäufe im Basar während es schneite und zischte dann mit einem mulmigen Gefühl wieder zurück nach Berlin.
Vielen Dank!

Woche 21-22 – No problem? – Yes problem!


Wochen 21-22, 5.9 – 18.9

In der Woche ist wieder wenig passiert. Das Wochenende wollte ich dann endlich dazu nutzen, Bewerbungen zu schreiben.Am Mittwoch (9.9) war ich bei Freunden zu einer Geburtstagsfeier eingeladen.
Um 22.30Uhr nahm ich dann den Bus nach Hause. Er war extrem voll und das will schon war heißen für Teheraner Verhältnisse. Trotzdem quetschte ich mich noch hinein. Davor nahm ich noch war, dass ich eine Nachricht erhalten hatte – die konnte bis zum Aussteigen warten. Ich stieg also aus und wollte die Nachricht beantworten – nur war leider das Handy nicht mehr in meiner Tasche! Auch mein Portemonnaie hing halb aus meiner Tasche – da war wohl jemand gierig. Ich rannte also dem Bus hinterher, holte ihn aber nicht mehr ein. Polizisten, an denen ich vorbeirannte und denen ich mein Problem schilderte taten nichts, außer dämlich zu grinsen und zu fragen, wo ich herkam. Aber es war natürlich auch eine naive Annahme war, dass sie etwa den Bus verfolgen, anhalten und die Passagiere nach meinem Telefon absuchen (es war nur der Vibrationsalarm eingeschaltet) würden, nur, weil ein ein Ausländer behauptet, sein Handy sein dort geklaut worden. Selbst in Deutschland nicht möglich. Ich begab mich trotzdem zur Endhaltestelle, denn eventuell ist es mir ja nur aus der Tasche gefallen. Aber in den dortigen Bussen lag kein Handy. Die Polizei dort vor Ort war auch nicht hilfreich, ich musste mich an Verkehrspolizisten wenden. Diese waren hilfsbereiter und erklärten mir, ich müsse mich an den Polizeidistrikt wenden, in dem ich ausgestiegen bin, also am Enghelab Platz. Das hieß, ich musste wieder zurück. Mittlerweile war es schon 23.30Uhr. In dem kleinen Polizeihäuschen in Enghelab saß ein junger Soldat, der seinen Vorgesetzten informierte. Bis der dann kam verging bestimmt noch einmal eine dreiviertel Stunde. Ich bekam dann einen Zettel ausgehändigt, mit dem ich mich dann am nächsten Tag an die Polizeidienststelle wenden sollte. Ich hoffte, dass die Tür im Wohnheim offen war, denn ich hatte nun wirklich keine Lust wieder die Nacht draußen zu verbringen, aber zum Glück war sie offen.
Am nächsten Tag (Donnerstag) begab ich mich dann also zur Polizei, musste einen Wisch unterschreiben und sollte dann mit einer Kopie der Rechnung etc wiederkommen. Ich war froh, Farsi sprechen zu können, denn keiner konnte Englisch…
Den übrigen Tag verbrachte ich bei Zari und als ich am Abend zurückkehrte, kaufte ich mir ein neues Telefon, SIM-Karten hatte ich ja noch genug und die Kontakte hatte ich auch gespeichert. Von daher habe ich eigentlich wirklich nur Geld verloren, aber für 57€ habe ich dann ein gebrauchtes HTC Desire 310 mit 16GB Speicherkarte bekommen – kein schlechter Deal.
Am Freitag (11.9) richtete ich dann das Telefon weiter ein, traf mich mit Zhihui und ging am Abend mit meinen Mitbewohnern und ein paar anderen in ein Café.
Das Verfolgen des Busses im Sprinttempo, verbunden mit der dazugehörigen Atmung, sorgte für die nächste Woche für erhebliche Hustenanfälle.

Am Samstag kaufte ich dann wieder Internet und Gesprächsguthaben. Leider nahm ich auch eine Softwareänderung vor, die schief ging, sodass mein Telefon nicht mehr anging – das lief ja alles spitzenmäßig. Am Sonntag ging ich also wieder bis zum Abend zu Zari und um 2.30Uhr am Montagmorgen hatte ich das Telefon wieder betriebsbereit gemacht.
Das war gut, denn so konnte ich mich am Dienstagabend (15.9) zur Eröffnung einer Kunstausstellung im Museum für Zeitgenössische Kunst verabreden.
Das folgende Wochenende (17. und 18.9) war dann endlich mal einigermaßen ruhig. Am Donnerstag ging ich zu Freunden einer Bekannten und am Freitag lernte für die Zwischenprüfung.


Ich möchte auch noch etwas zum Nahverkehr des Nachts sagen. In Teheran gibt es fünf Metrolinien und sechs Schnellbuslinien (BRT – Bus Rapid Transport). Die Metro verkehrt von ca. 5.30Uhr bis 22.30Uhr, die BRT-Linien aber Gott sei Dank 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Das BRT-Netzwerk deckt einen Großteil Teherans ab. Dadurch kann man sehr gut auf eine Taxifahrt verzichten. Ein weiterer dicker Pluspunkt ist, dass die Busse nachts noch sehr regelmäßig fahren. So musste ich nie länger als 10 Minuten warten!

BRT-Liniennetz (Stand September 2015)
Metro Liniennetz

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Woche 9 – Teil 1/1


Tage 61-67, 18-24.4

Diese Woche war nicht wirklich spannend. Ich habe bei einem Routineeinkauf auf dem Tajrishbasar entdeckt, dass man dort kleine Küken erstehen kann: Gänse, Hühner und anderes Geflügeltier; Kostenpunkt: noch nicht einmal 2 EUR. Und diese kleinen Dinger sind so niedlich – abgesehen vom ununterbrochenen Lärm, der von ihnen verursacht wird. Leider können sich meine Mitbewohner nicht mit dem Gedanken anfreunden, im ausreichend Platz bietenden Wohnzimmer, eine kleine Hühnerfarm aufzumachen. Sie haben Angst vor dem Dreck und kleinem Getier, was durch die Küken angelockt werden könnte. Dabei würde die Wohnung keine Goldene Hausnummer bekommen und im Moment wimmelt es eh von extrem dreisten und wendigen Mücken, dass ein paar mehr Insekten nicht auffallen würden.
Daher muss die Farm wohl etwas warten. Zhihui war zwar nicht abgeneigt, aber da sie nicht bei uns wohnt, muss sie die Nebenwirkungen der Haltung auch nicht ertragen. Sie schlug vor, stattdessen kleine Häschen zu kaufen, die wohl um die 5 Euro kosten. Sie seien viel pflegeleichter. Nur leider legen sie keine Eier und Hühnern hätte man einfach die ganzen Essensreste zum Fraß geben können. Mal sehen, ob sich Zhihui wirklich einen Hasen zulegt. Lustig wäre es auf jeden Fall.


Hintergrundbild: Südlicher Ausblick vom Dach


Da es sonst nichts zu berichten gibt, kann ich ja wieder ein paar Einblicke in das Alltagsleben eines Rothaarigen im Iran geben.

Erst einmal will ich Erfahrungen von der Busfahrt von Kaschan nach Teheran, das wird bei anderen Übertagfahrten bestimmt genauso sein, schildern.

  • Nachdem der Bus den Busbahnhof verlassen hat, fuhr der Bus nicht einfach, wie in Deutschland üblich, bis nach Teheran durch, nein. Da Iraner die Angewohnheit haben, spät zu sein, ist der Bus auf den ersten Kilometern nach dem Verlassen des Busbahnhofs langsam gefahren und der ein Busbegleiter hat so ziemlich jeden Fußgänger angesprochen, ob er denn nach Teheran möchte. Erstaunlich viele Leute wurden so noch aufgesammelt. Und auch noch auf der Autobahn hielt der Bus ein paar Male auf der Standspur, um ein paar Dorfbewohner einzusammeln. Wie viel die Leute zahlen müssen, weiß ich natürlich nicht, aber mehr die anderen Reisenden wird es wohl nicht sein.
    In Teheran angekommen, kann es sein, dass der Busbahnhof ziemlich weit von der nächsten Metrostation entfernt ist – aber kein Problem, dann wird eben an einer Metrostation an der Strecke ein Halt organisiert.
  • Während die Fahrkenntnisse in der Teheraner Innenstadt zwar nicht-existent anmuten, sind sie es auf der Autobahn scheinbar wirklich. Freitags fahren die Teheranis alle wieder zurück in die Hauptstadt und entsprechend voll sind die Autobahnen. Die Busse dürfen nur die rechte und mittlere Spur nutzen. Aber wie in der Innenstadt auch, gibt es keine logische und vorausschauende Fahrweise. Die rechte Spur scheint mir einem Fluch belegt zu sein; nur vereinzelt fahren dort Autos, sodass die mittlere und linke Spur hoffnungslos überfüllt sind. Das Problem ist, dass dort Leute fahren, die eigentlich auf die rechte Spur oder sogar den Standstreifen gehören.
    Ich saß im Bus ganz vorne und konnte kein Auge zumachen, weil mich dieses Chaos so in seinen Bann zog. Die Iraner sind ja nicht dumm, aber bei solchen Überlandfahrten am Wochenendeende nehmen sie ihren Verstand wohl vor der Fahrt heraus. Der Busfahrer war gefühlt ständig am Autos aus dem Weg Hupen und Lichthupe Geben. Mindestens zweimal hätte es fast gekracht.

Dann zu der Auffälligkeit meines Aussehens.

  • Am Anfang mag es ja vielleicht noch ganz lustig sein, von vielen Leuten – besonders weiblichen – angeschaut und vor allem angesprochen zu werden und nach Fotos (meist von Frauen und Mädels) gefragt zu werden. Doch mit der Zeit wird das nur noch lästig. Es vergeht kaum eine Metrofahrt, bei der ich in Ruhe Musik hören oder Vokabeln lernen kann, ohne dass ich von irgendeinem männlichen Passagier angesprochen werde. Die Iraner sind natürlich neugierig, was so in der Außenwelt vorgeht und wieso ein Ausländer ihr Land/ihre Stadt besucht. Dass man täglich darauf angesprochen wird, kommt ihnen natürlich nicht in den Sinn. Selbst das Vortäuschen von nicht vorhandenen Englischkenntnissen interessiert sich kein bisschen. Und wenn einer mit mir ein Gespräch anfängt, klinken sich meist andere mit ein, sodass bis zur Endstation keine Ruhe ist. Die Fragen sind auch immer dieselben: Wo kommt man her, was macht man hier, wieso, wie ist der Iran (natürlich toll) und dann Dinge über die Sanktionen, Politik und Verwandte im Ausland, manchmal Höflichkeitseinladungen. Einige Male werden auch spontan die Verwandten in Deutschland oder Österreich angerufen und ich darf dann mit denen reden.
  • Als kleiner Vorteil erweist sich zu sagen, man käme aus Österreich. Das kennen viele nicht und es wird nicht mit Fußball oder – lustigerweise – Hitler in Verbindung gebracht. Natürlich ist es trotzdem bekannter als zum Beispiel Montenegro. Aber ich möchte nicht in die Situation kommen, dass mich irgendwann jemand auf Serbisch zuquatscht; wobei das wahrscheinlich nur darauf ankommt, wann die absolute Schmerzgrenze erreicht ist. Während Francesco für einen Iraner gehalten wird, kann ich, glaube ich, nichts tun, außer vielleicht meine Haare färben, doch das wird nicht passieren.
  • Die Schmerzgrenze wurde in dieser Woche eigentlich schon angekratzt. Ich wollte mich in den Lalehpark zum Lernen und Entspannen begeben. Doch daraus wurde natürlich nichts, denn nach zwei Minuten saßen zwei Soldaten neben mir, die, wie bei vielen iranischen Männern üblich, keinerlei Englischkenntnisse besaßen. Also laberten sich mich zu, jedenfalls der eine, dümmere von ihnen. Soweit ich mitbekommen habe, noch nicht einmal etwas Interessantes sondern meist vulgäres Zeugs. Für seine nicht vorhandene Selbstreflexion sprach folgender zusammengefasster Konversationsausschnitt:
    Er fragte mich, ob ich oft von Leute genervt oder belästigt würde. Lustig, dass die Frage nach bestimmt 15 Minuten kam, und ich offensichtlich meine Hausaufgaben und meinen PC offen rumliegen hatte und auch schon erwähnt hatte, mich eigentlich meinen Hausaufgaben widmen zu wollen. Jedenfalls bejahte ich diese Frage und er sagte mir, ich solle mir die Leute merken, er würde sich dann um deren Mütter „kümmern“….Dass er dann folglich bei seiner eigenen anfangen könne, behielt ich selbstverständlich für mich.
  • Dann zu der Telefonnummer. Die meisten Leute aus den Metro- oder Busgesprächen möchten selbstverständlich mit ihrem neuen besten Freund in Kontakt bleiben. Deshalb bietet es sich immer an, Block und Stift zur Hand zu haben, um die Daten aufzuschreiben. Auf jeden Fall versuche ich, bisher auch sehr erfolgreich, meine Nummer nicht herauszugeben. Mittlerweile habe ich auch eine zweite SIM-Karte, die dann notfalls für solche Fälle hinhalten kann.

Das alles mag vielleicht arrogant klingen, aber ich lebe mittlerweile hier, bin natürlich ein Auswärtiger, aber dennoch schließlich kein Tourist. Wenn ich mit jedem der 14 Millionen Einwohner auch nur 30 Sekunden reden würde, müsste ich mehr 13 Jahre hier verbringen. Dann könnte ich sicher perfekt Farsi, aber im Prinzip wäre mein Leben wohl gegessen und meine Telefonbuch platzen. Sicherlich erschließt sich das den Iranern nicht und ich kann sie auch (noch) nicht komplett ignorieren, aber als sehr höflich würde ich mein Auftreten in solchen Situationen nicht beschreiben. Das geht übrigens allen Studenten, die nach Ausländern aussehen, so.

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Woche 3 – Teil 2/4


Tag 17, 6.2, Freitag

Wir haben uns größtenteils vom Wandern erholt und ich habe viel Zeit damit verbracht, den Blog auf Vordermann zu bringen. Nachmittags war ich Zari mit Saba in einem Café im ASP-Gebäude verabredet. Roman hatte dort auch eine Verabredung, sodass wir gemeinsam hin sind. Der Straßen waren allerdings so verstopft, dass ich eine Stunde zu spät angekommen bin.
Auf dem Heimweg habe ich noch nach Karlsruhe telefoniert und bin daher nicht mit dem Bus zum Umsteigehaltestelle gefahren. Als ich dann dort ankam, war es schon 22.30Uhr und kein Bus fuhr mehr (jedenfalls nicht nach Velenjak). Mit dem Taxi wollte ich nicht fahren und bin daher gelaufen. Insgesamt habe ich fast 2 Stunden nach Hause gebraucht. Da ich noch Hausaufgaben machen musste, bin ich erst um 1 Uhr ins Bett.

Tag 18, 7.2, Samstag

Die Wanderung steckt mir immer noch in den Knochen. Roman und ich machten auf dem Weg nach Hause einen Großeinkauf gemacht und ich habe es endlich geschafft, mit dem Digitalisieren der Vokabeln anzufangen. Außerdem habe ich noch Arbeit für Karlsruhe erledigt und war auch wieder bis um 1 Uhr wach.

Tag 19, 8.2, Sonntag

Schule, Basar, Lernen, um 1 Uhr ins Bett

Tag 20, 9.2, Montag

Ich hatte die Lesehausaufgabe nicht gemacht, weil das Digitalisieren der Vokabeln in meinen Augen wichtiger war. Dementsprechend habe ich dann im Unterricht dann rumgestottert und durfte die Hausaufgabe wiederholen.
Beim Geldwechseln habe ich einen eine Million Rial-Schein bekommen.
Nach der Schule bin ich mit mehreren anderen wieder zur Amerikanischen Botschaft. Da ich mit einigen anderen 50 Minuten eher da war, gönnten wir uns noch einen 25cm Sandwich (Falafel + Käse 1,30€).
In der Botschaft bekamen wir dann eine Führung, die freundlicherweise von einem dänischen Halbiraner übersetzt wurde. Das Erdgeschoss der Botschaft war der normale konsularische Teil, das Obergeschoss diente der CIA. Dort fand die Führung statt und der Korridor war mit Bildern vermeintlichen Gräueltaten der USA und ihrer Alliierten während des Irak-Iran-Krieg und der Frage nach der Wahrheit versehen.
Mit als Einleitung erwähnte der Führer, der Film Argo sei Quatsch, das hätte der kanadische Botschafter bestätigt. Nun ist es aber so, dass der kanadische Botschafter nur Kritik an der „marginalisierten Darstellung“ der Kanadier erhob, nicht am Inhalt. Obwohl Kanada 90% des Erfolgs und der CIA 10% zuzuschreiben sei, würde das Kräfteverhältnis umgekehrt dargestellt. Einzig die Frau des Botschafters kritisierte, sie hätte es besser gefunden, den Film „basierend auf wahren Ereignissen“ und nicht als komplett wahr zu deklarieren.
Wir wurden dann durch die Räumlichkeiten geführt, durch abhörsichere Gesprächsräume, Panzertüren-gesicherter Räume zur Kommunikation in die Staaten, Abhörräume und Räume, die zum Fälschen von Pässen und anderen Dokumenten genutzt wurden.

Der Macht des Schah wurde im Februar 1979 gebrochen, da sich die Iraner nicht dem Willen eines von den Imperialisten eingesetzten und zum Ende hin brutal gegen Oppositionelle (den Geistlichen) agierenden Herrschers beugen wollten und als freies Volk keine Diktatur dulden. Dass mit der Etablierung eines Obersten Geistlichen Führers keine Demokratie eingeführt, sondern die Diktatur fortgeführt wurde, bleibt natürlich unerwähnt. Denn die Mitglieder des Parlaments und den Präsidenten können sie nur aus einer vorher vom Wächterrat festgelegten Kandidatenliste wählen. Die Mitglieder, die den Wächterrat stellen, werden je zur Hälfte vom ausgesiebten Parlament und vom Obersten Führer bestimmt. Der Oberste Führer wird vom Expertenrat, der aus Mullahs, die vorher vom Wächterrat bestimmt werden und dann durch das Volk „gewählt“ werden, ernannt. Um es kurz zu machen: Der Oberste Geistliche Führer (im Moment Ayatollah Khamenei), seine Führungsriege und Vasallen bestimmen dann, was das Parlament und der Präsident beschließen darf, überwachen sich selbst, bestimmen über das Militär, das Verfassungsgericht und haben auch noch eine zweite Armee aus Anhängern, die ihre Macht sichern. In der Öffentlichkeit werden die Entscheidungen der Geistlichen aller Art aber selten erwähnt.

Im November 1979 wurde dann die US-Botschaft gestürmt und 444 Tage Geiseln genommen. Schwarze und Frauen wurden jedoch bald freigelassen und nur hochrangige Entscheidungsträger und CIA-Mitarbeiter seien noch, aber unter sehr guten Bedingungen, festgehalten worden. Sie hätten Essen auch anderen Botschaftskantinen bekommen, während die Studenten, die im Auftrag Khomeinis für Ordnung sorgten, nur „normales“ Essen bekamen. Es wurde sogar eine Weihnachtsfeier mit Weihnachtsbäumen veranstaltet.
Nicht unerwähnt blieb der Irak-Iran-Krieg in den frühen 80er Jahren. Die Iraker unter der Führung des von den USA eingesetzten Herrschers Saddam Hussein hätten die Wirren der Revolution nutzen wollen, um ihre Küstenlinie zu verlängern und ölreiche Gebiete zu erobern. Dank der Führung Khomeinis und mit Hilfe Allahs, der sicher auch hinter den Irakern stand…, konnten die Iraner eine Gebietsverlust verhindern und gingen aus dem Krieg zwar mit hohen Verlusten, aber doch im Geiste gestärkt hervor, den Iraker mit ihren westliche Unterstützern die Stirn geboten zu haben. So kamen chemische Waffen aus Deutschland, Minen aus Belgien, Kampfjets aus Frankreich und unterirdische Hangars wurden von Italiern errichtet. Niemand hätte auf der Seite Irans in dem 8 Jahre lange dauernden Krieges gestanden. Ebenbürtige Rache für Kriegsverbrechen an der iranischen Zivilbevölkerung wurden von Khomeini ausdrücklich verboten. Stattdessen soll er Kinder und junge Männer mit Aussicht auf das Paradies zum Minenräumen geschickt haben (Bilder dieser Opfer könnten es dann auch sein, die im Korridor hängen).
Nach all den Feindseligkeiten und den Sanktionen, neuerdings gegen eine friedliche Nutzung der Atomenergie Irans, obwohl so viele andere Staaten ohne Probleme Atomwaffen haben (selbst Nordkorea), seien die Rufe nach dem „Tod Amerikas und Israels“ nicht als Vernichtung der Völker sondern vielmehr als übertriebener Wunsch nach neuer Politik und neuen Regierungen verbunden. Der Neujahrsgruß von Obama im März 2014 (und sicherlich auch 2015) an das iranische Volk sei durch die gleichzeitige Intensivierung der Sanktionen und militärischen Drohungen, sei nichts wert.

Tag 21, 10.2, Dienstag

Da am Mittwoch die Islamische Revolution gefeiert wird, ist das der letzte Schultag diese Woche. Ich habe nix gemacht.
Am Abend bekam ich allerdings einen Vorgeschmack auf den kommenden Tag: Die iranischen Studenten gegenüber unseres Wohnheims skandierten gegen 21Uhr im Chor: „Allah u akbar“, „Marg bar amerika“ und „Marg bar Israel“. (Sie übersetzen es mit „Nieder mit Amerika/Israel“, „marg“ heißt aber lt. Wörterbuch „Tod“). Im Hintergrund wurden überall in der Stadt Feuerwerke gezündet. Eine ziemlich absurdes Bild, was mein Bestreben, am folgenden Tag an den Festivitäten teilzunehmen aber natürlich nicht schmälerte. Obwohl letztes Jahr wohl drei Studenten festgenommen wurden.

#Am Rande: Die normalen Busse des öffentlichen Nahverkehrs sind geteilt. Ein Teil ist für die Frauen, einer für Männer. Bei kleineren Busse, z.B. der, mit dem ich jeden morgen zur Schule fahre, die in etwa umgebauten Mercedes Sprintern entsprechen, gibt es diese Trennung nicht. In der Metro gibt es vorne und hinten Abteile nur für Frauen. Die anderen Teile sind gemischt, d.h. Frauen können überall einsteigen. Doch ist meiner Meinung nach vorteilhaft für die Frauen, da die Metro zum Berufsverkehr in den mittleren Wagen sehr voll wird. Die Abteile der Frauen sind jedoch so gut wie nie überfüllt.
Bleiben wir noch bei der Metro. Die Treppen werden, wie ja schon gezeigt, kaum benutzt und man wird komisch angeschaut, wenn man es doch tut. Es bilden sich sogar Schlangen vor den Rolltreppen. Lustig wird es nur, wenn die Rolltreppen dann ausfallen. Die Teheranis sind scheinbar so unfit, dass selbst wenn nur eine Höhendifferenz von fünft Metern überwunden wird, sie kechend oben ankommen.
Diese Woche habe ich auch das erste Schimpfwort gelernt: „an“. Es bedeutet Scheiße und steht auch als Abkürzung für AhmadiNedschad.

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Wie alles begann

Das Jahr 2014 war einmalig und vielleicht das bisher beste überhaupt. Es lag auch daran, dass ich meine Zeit, in der ich beschäftigt war, auf einen bestimmten Zeitraum konzentrieren konnte und dann entsprechend viel Freizeit zur Verfügung hatte. Reisen zu Russlands neuer Errungenschaft – der Krim – sowie eine 700km-Fahrradtour durch Deutschland, Trampen durch Südwesteuropa und spontane Ausflüge nach Schweden und in die USA sprangen dabei heraus.
Aber natürlich konnte es so nicht weitergehen. Deshalb hatte ich mich Ende Oktober für den ersten von sechs Sprachkursen (Farsi bzw. Persisch) in Teheran (Iran) beim Dehkhoda Lexicon Institute beworben.

Erst als ich am 22. Dezember nach Hause getrampt bin, habe ich die endgülitge Teilnahmebestätigung bekommen. Einen Tag vor Silvester gab ich also meinen Pass ab. Am 7. Januar holte ihn dann mein Papa ab – inklusive Visum! Ich buchte sofort den Flug nach Teheran über Kiew mit Ukraine International Airlines für den 20. Januar – in Teheran am IKA würde ich dann am 21. um 1.30 in der Früh ankommen.

Aber ich musste natürlich noch irgendwie meine Sachen aus meinem Raum in Karlsruhe räumen. Zum Glück hatte ich nur ein Bettsofa, einen Schreibtisch, einen kleinen Tisch und eine Art Regal. Verkauft habe ich das Bett und das andere auf den Sperrmüll geschmissen – hatte ich eh kostenlos bekommen.

Am 14. Januar habe ich dann Abschied von Karlsruhe genommen, brach mit viel Gepäck per Bahn Richtung Berlin auf und ließ zwei großartige Jahre mit neuen Freunden und schönen Momenten zurück.

Ach ja, und das Ganze ist kein Urlaub; ich mache das nicht aus Spaß und Langeweile – jedenfalls nicht zu 100%.

Wenn es zu irgendwas Fragen oder Wünsche gibt, schreibt einfach eine Mail (blog@johannes-nickel.de) oder einen Kommentar oder abonniert den Newsletter.

Hintergrundbild: Indianerbrunnen mit Bierkasten, Werderplatz, Südstadt, Karlsruhe – 2015, all rights reserved